Fallbeispiele
Jan (4 1/2 Jahre) kommt zur Sprachtherapie, weil er beim Sprechen das /k/ durch ein /t/ bzw. das /g/ durch /d/ ersetzt: "Ich dehe derne in den Tinderdarten".
In der Therapie wird zunächst die Wahrnehmung im Mundraum durch Sensibilisierungsübungen und die Beweglichkeit von Zunge und Lippen durch mundmotorische Übungen verbessert. Diese Fähigkeiten sind Voraussetzungen, um ein Gespür dafür zu bekommen, wo und wie ein Laut gebildet wird. Außerdem wird dadurch die Koordination bei der Artikulation gesteigert. Dann wird die Aufmerksamkeit auf den Laut /k/ gelenkt. Das Geräusch /k/ wird z.B. mit dem Geräusch beim Holz hacken verglichen, so dass Jan mit dem abstrakten Laut eine konkrete Vorstellung verbindet. Jan übt im Spiel das "Geräusch vom Holz hacken" nachzuahmen und von anderen Lauten zu unterscheiden. In der Therapie lernt er den Laut /k/ aus Wörtern heraus zu hören, denn die auditive Wahrnehmungs- und Unterscheidungsfähigkeit ist eine Grundvoraussetzung zum Erlernen des Lautes. Das Sprechen des Lautes wird erst isoliert, dann in einzelnen Silben und anschließend in Wörtern geübt. Die Übungen finden in Form von freien Spielen, verschiedenen Brettspielen und Arbeitsblättern statt. Am Ende einer Therapiestunde bekommt Jan immer eine kleine "Hausaufgabe" in Form von Arbeitsblättern, Übungen oder kleinen Spielen mit nach Hause. So können seine Eltern auch zwischen den Therapieeinheiten mit ihm ein wenig üben.
Nachdem Jan das /k/ auf der Wortebene richtig artikulieren kann, wird der Laut beim Sprechen in Sätzen gefestigt, so dass er die richtige Artikulation auch in die normale Sprache integriert. Nach Abschluss der Sprachtherapie wird Jan von seinen Freunden viel besser verstanden. Er fühlt sich in Gesprächssituationen sicherer und ist selbstbewusster geworden.
Sandra (9 Jahre) geht in die dritte Klasse. Obwohl sie in den meisten Fächern gute Noten hat, bereiten ihr Lesen und Schreiben große Schwierigkeiten. Sie braucht viel Zeit, um beim Lesen den Sinn zu erfassen. Bei ungeübten Diktaten fällt es ihr besonders schwer, das Gehörte richtig zu schreiben. Häufig vertauscht sie Buchstaben in Wörtern (z.B. "Forsch" statt "Frosch") und verwechselt ähnlich klingende Buchstaben (z.B. "Worm" statt "Wurm"). Unbetonte Buchstaben oder Silben lässt Sandra oft ganz weg ("lesn" statt "lesen"). Daneben hat sie große Schwierigkeiten lange und kurze Vokale zu unterscheiden, so dass sie Dehnungs- oder Dopplungssregeln (z.B. "i" oder "ie" und "k" oder "ck" usw.) oft nicht oder falsch anwendet.
Durch eine ausführliche Diagnostik zu Beginn der Therapie stellt sich heraus, dass Sandra Schwierigkeiten hat, die gehörte Sprache schnell genug zu verstehen. Dazu kommt, dass ihre auditive Merkspanne relativ kurz ist, so dass sie sich z.B. bei längeren unbekannten Wörtern oft nur die ersten Silben und bei Diktaten nur die ersten Wörter eines Satzes merken kann.
In der Therapie werden vielfältige Schreib- und Leseübungen und gezielte Übungen zur auditiven Merkspanne und Konzentration durchgeführt. Sandras auditive Verarbeitung wird u.a. durch ein spezielles Verfahren (AUDIVA) gefördert, bei dem gefilterte Musik bzw. Sprache über Kopfhörer angeboten werden und dadurch die zentrale Laut- und Sprachverarbeitung trainiert wird.
Nach einigen Monaten Therapie haben sich Sandras Lese- und Schreibfähigkeiten bereits merklich gebessert. Es fällt ihr viel leichter, die einzelnen Laute in Wörtern heraus zu hören und zu unterscheiden. Sie kann die Rechtschreibregeln sicherer anwenden und ihre auditive Merkspanne hat sich verbessert, so dass ihr der Sprachunterricht in der Schule leichter fällt.
Horst M. erlitt im November 2001 mit 63 Jahren einen Schlaganfall. Durch die Hirnschädigung ist unter anderem seine Sprache betroffen. Er hat eine sogenannte Wernicke-Aphasie, das heißt, dass er in normalem Sprechtempo mit guter Artikulation und Satzmelodie spricht. Allerdings verwendet er oft falsche Wörter (z.B. "Löffel" statt "Gabel" oder "grün" statt "gelb"). Manchmal verwendet er auch falsche Buchstaben (z.B. "Welster" statt "Fenster" oder "Wirst" statt "Wurst"). Er hat zugleich Probleme mit der Grammatik (z.B. "und die Essen war wieder nicht geschmecken"). Da auch das Sprachverständnis beeinträchtigt ist, fällt es Horst M. sehr schwer, einer Unterhaltung länger zu folgen. Das Schreiben und Lesen von Herrn M. ist in gleicher Weise wie seine Sprache betroffen.
Die Sprachtherapeutin arbeitet mit Herrn M. zusammen an seiner Wortfindung, dem Satzbau bzw. Grammatik und seinen Schreib- und Lesefähigkeiten. Dies geschieht über vielfältige Methoden und Übungen, durch die wieder ein wenig Ordnung in seine durcheinander geratene Sprache gebracht wird.
Da der Schlaganfall mit seinen Folgen das Leben von Horst M. und seiner Frau gravierend verändert hat, berät die Sprachtherapeutin die Eheleute bei Fragen und Unsicherheiten im Umgang mit der Sprachstörung.
Sechs Monate nach dem Schlaganfall hat sich die Aphasie so weit verbessert, dass Herr M. immer seltener die Buchstaben in Wörtern verdreht und er häufig einfache grammatikalisch richtige Sätze bildet. Sein Sprachverständnis ist ebenfalls besser geworden. Die Störung in diesem Bereich beschränkt sich auf längere Sätze oder komplexe Thematiken, bei denen er nicht immer folgen kann. Er hat noch Schwierigkeiten in der Wortfindung, die intensiv in der Sprachtherapie trainiert wird. Insgesamt konnten durch die Sprachtherapie viele sprachliche Fähigkeiten von Horst M. wieder verbessert und durch eine eingehende Beratung viele Hilfestellungen für den alltäglichen Umgang mit der Sprachstörung gegeben werden.
Herr F. (43 Jahre) erkrankte in den Wintermonaten an einer Grippe. Eine starke Bronchitis mit Halsschmerzen und einer heiseren Stimme schwächte ihn sehr. Die Heiserkeit blieb auch nachdem die Grippe ansonsten ausgeheilt war.
Da Herr F. in seinem Beruf hin und wieder viel sprechen muss, war er stimmlich permanent überlastet. Viel Trinken (besonders Salbeitee) und halsschmerzenlindernde Tabletten halfen kurzfristig, auf Dauer nicht.
Der HNO-Arzt verordnete eine Stimmtherapie. Die Therapeutin erklärte die Zusammenhänge zwischen Körperhaltung, Atmung und Stimme. Sie führte viele Wahrnehmungsübungen zu eigenen Stimme durch und führte Herrn F. langsam an eine ökonomische Stimmführung heran. Sie sprachen auch über vorbeugende Maßnahmen und über eine generelle Stimmhygiene.
Nach einiger Zeit hatte Herr F. gelernt, wie der mit seiner Atmung, einer guten Körperhaltung und lockeren Bewegungsabläufen im Mundraum eine gesunde und belastbare Stimme produziert, ohne seine Stimmbänder zu überanspruchen. Nach ca. 20 Sitzungen hatte Herr F. eine ganze Menge über seine Stimme erfahren und war ohne Probleme in der Lage, lange Vorträge ohne Anzeichen von Stimmbelastung zu halten.
Als Frau P. im September 2005 einen Schlaganfall erleidet, bemerken Angehörige und Pflegepersonal im Krankenhaus, dass Frau P. beim Essen und Trinken ständig hustet und sich häufig räuspert. Außerdem braucht sie viel mehr Zeit zum Verzehr der Mahlzeiten, als vor dem Schlaganfall.
Durch eine endoskopische Untersuchung wird festgestellt, dass bei Frau P. während des Schluckens ein Teil der Nahrung in die Luftröhre gerät.
Frau P. wird zunächst in der Reha-Klinik und später ambulant in der sprachtherapeutischen Praxis behandelt. Sie führt in der Therapie und auch zu Hause bestimmte Übungen für Lippen und Zunge durch und bekommt von ihrer Therapeutin Anweisungen zur richtigen Körperhaltung beim Schlucken. Die Therapeutin stimuliert im und am Mund die am Schlucken beteiligten Bewegungsabläufe. Frau P. hält sich an einen Ernährungsplan, der vorgibt, welche Lebensmittel im Moment noch zum Verschlucken führen würden und deshalb gemieden werden müssen (z.B. sehr krümelige oder zu flüssige Speisen).
Nach einigen Behandlungswochen in der sprachtherapeutischen Praxis wird eine weitere endoskopische Untersuchung durchgeführt, um die Fortschritte von Frau P. zu dokumentieren.
Nach einigen Monaten muss Frau P. sich zwar noch an Haltungs- und Essregeln halten, aber sie verschluckt sich im Alltag nur noch selten.
Simon, 9 Jahre alt, hat sich erstmals bei einer Kieferorthopädin vorgestellt. Bevor diese eine Klammerbehandlung beginnt, schickt sie Simon zur Sprachtherapie, weil seine Zunge beim Schlucken gegen die Zähne drückt. Eine Klammer würde die Zähne zwar in die korrekte Lage rücken, aber nach der Klammerbehandlung könnten sich die Zähne wieder in die alte Position fügen, da die Zunge weiterhin mit ihren zig tausend Berührungen als verschiebende Kraft wirken würde. (Man schluckt ca. 100-2000 mal täglich mit einer Zungenkraft von bis zu 3 Kilopond!)
Simon wird von der Sprachtherapeutin im Erstgespräch gründlich befragt über seine Ernährungsgewohnheiten und sonstige liebgewonnene Angewohnheiten rund um den Mund wie Daumenlutschen, Nägelkauen, offene Lippen, aber auch seine Körperhaltung im Allgemeinen wird beobachtet. Dann wird sein aktuelles Schlucken untersucht und seine Lippenkraft gemessen. Abschließend wird das Schlucktraining, das wir anbieten, erklärt und Simon muss sich entscheiden, ob er an dem Training teilnehmen will. (In der Regel werden die Kosten für diese Therapie von den Krankenkassen übernommen.)
Simon kommt nun jede Woche 45 Minuten zum Schlucktraining. Er muss wie beim Fußballtraining seine Zunge, Lippen und Mundmuskeln trainieren. Deshalb bekommt er von der Therapeutin Hausaufgaben auf, die er täglich drei mal zu Hause durch führen muss. Mit sportlichem Ehrgeiz übt er mit Hilfe von Nudeln und kleinen Ringen eine neue Schluckbewegung ein und führt viele Listen zur täglichen Kontrolle seines Schluckens. So kann er seine Fortschritte selbst ablesen.
Nach ca. 3-4 Monaten kommt Simon nur noch 14-tägig zur Sprachtherapie, da er das Meiste schon zu Hause selbstständig üben kann. In der Endphase des Trainings sucht er sich viele Erinnerungshilfen, um das richtige Schlucken im Alltag einzusetzen. Mit ca. 6 Monaten ist das Training beendet. Er bekommt eine Urkunde über die erfolgreiche Teilnahme und hat jede Menge über das Schlucken, das Sprechen und die Beweglichkeit der Mundmuskeln gelernt.
